Den Kindern Flügel geben – nicht so einfach, wie es sich anhört!

1. August 2013

Ein sehr altes Zitat, das wie so viele aus dieser Zeit noch heute große Bedeutung und Wahrheit in sich trägt:

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel 
J. W. von Goethe
 

Das bedeutet im Klartext: Wir Eltern sollen den Kindern Urvertrauen schenken, ihnen die Gewissheit geben, dass wir immer für sie da sind. Wie ein Fels in der Brandung. Egal, wie stark es in ihrem Leben stürmt, auf die Eltern ist Verlass! Die Flügel verleihen wir den Kindern, wenn sie älter geworden sind und wir Eltern sie langsam in Richtung eigenes Leben loslassen können.

Wo aber ist bitte der Übergang? Erziehungswissenschaftler würden es wohl so formulieren: Zwischen dem Wurzeln und Flügel geben findet die Erziehung statt.

Ist es in der Praxis aber nicht so, dass wir beides immer wieder im Wechsel tun, während der Erziehung?


 


Ein ganz konkretes Beispiel, wie schwierig die Entscheidung zwischen wurzeln (und festhalten) und fliegen (loslassen) ist: Wir haben in diesen Sommerferien unseren 12-jährigen Sohn erstmalig allein mit der örtlichen Kirchenjugendgruppe auf seinen eigenen, dringenden Wunsch nach Dänemark fahren lassen. Er ist reif genug, sich diesem Abenteuer auszusetzen und dieses ohne großes Heimweh zu genießen. Er wächst daran, erlebt Dinge und Gegebenheiten, die er mit Eltern nie in dieser Form erfahren würde. Allein schon, dass man sich 14 Tage lang mit familienfremden Menschen auseinandersetzen und vertragen können muss, ist schon eine große Herausforderung. Wir geben unserem Sohn also für dieses Abenteuer erste Flügel. Nun aber jammerte seine 9-jährige Schwester, dass sie auch unbedingt mitwolle – dieses Abenteuer dürfte sie nicht verpassen. Ui, sie hat noch keinerlei Erfahrung mit Klassenfahrten wie unser Sohn – und die Übernachtung bei Oma oder einer Freundin ist da wohl nicht gerade als relevant und aussagekräftig anzusehen. Was tun?
Halte ich sie nun fest, weil sie „die Kleine“ ist und ich es ihr eigentlich nicht zutraue, dass sie 14 Tage so weit entfernt von Mama wirklich genießen kann? Meine Tochter wäre in dieser Reisegruppe die Jüngste, mein Sohn einer der ältesten Teilnehmer.

Die noch viel bessere Frage: Schaffe ICH das ohne meine beiden Kinder? Kann ich beide Kinder für solch eine lange Zeit in „fremde Hände“ abgeben? Meine Freundinnen waren sich allesamt einig, als sie hörten, dass wir unsere Kleine nun doch auch zur Freizeit angemeldet haben: „Stephie, das packst DU nicht!“ Vielen Dank für euer Vertrauen (ihr kennt mich eben gut) – aber ich habe es DOCH geschafft! Ich gebe zu, es war nicht leicht:

Mein Mann schaltete schnell und buchte spontan eine tolle Städtereise zu zweit. Schließlich wollte ich nicht 14 Tage lang an den leeren Kinderzimmern vorbeilaufen und außerdem haben wir bis auf zwei verlängerte Wochenenden seit 13 Jahren keinen kinderlosen Urlaub mehr gemacht. Auch das sollte eine neue Herausforderung werden, dazu aber später mehr. Die Tage vor der Abreise wurde ich zunehmend nervös und gab mir große Mühe, die Kinder das nicht spüren zu lassen. Je näher aber der Abreisetag der Kinder rückte, desto mehr wirbelte ich im Haushalt, verbrachte meine Zeit mit dem Packen von Überraschungspäckchen für die Koffer, bastelte „Heimwehdrops“ u.ä. und versuchte mich darauf zu konzentrieren, nicht auszuflippen vor Sorge, ob das alles gut gehen könne. Die Kinder freuten sich unbändig, packten ihre Koffer mithilfe der vorbereiteten Checklisten und restliche Dinge wurden noch besorgt. Die Nächte wurden kürzer und die Kinder immer aufgedrehter. Das half mir, mich mit ihnen zu freuen und meine Sorgen über Bord zu werfen. Unsere Tochter durfte ihr Handy mitnehmen, das Mama mit Guthaben überhäufte, damit ja nichts schief gehen kann.

Als die Kinder den Reisebus bestiegen und wir allein im Auto zurück nach Hause fuhren, war mir ganz mulmig zumute und ich musste die Tränen arg zurückhalten. Nun sind sie weg – meine Babys! (Ja, man sieht seine Kinder auch mit 9 und 12 Jahren immer noch als Babys.) Sie werden nun 10 Stunden mit dem Bus unterwegs sein und hoffentlich passiert nichts – man hört doch so viel von Busunfällen. Danach setzen sie noch mit der Fähre über und gehen zu Fuß zum gebuchten Haus. Meine Güte – sind sie wirklich alt genug dafür? Durch eine Telefonkette erfuhren wir endlich am folgenden Nachmittag, dass die Kinder gesund angekommen sind. Dann packten wir selbst unsere Koffer und freuten uns auf die eigene bevorstehende Reise. Wir hörten von den Kindern tagelang GAR NICHTS! Meine Mutter sagt immer: „Wenn man nichts hört, ist alles in Ordnung. Sollte etwas nicht stimmen, meldet sich schon jemand“. Wirklich beruhigend ist das nicht, wenn man darauf wartet und so schrieb ich den ersten Brief an meine Kinder. Der Pastor hatte angemerkt, dass die Kinder sich immer sehr über Post von zu Hause freuen und es für die meisten Kinder viel besser sei als zu telefonieren. Viele Kinder bekämen erst recht Heimweh, wenn sie Mamas Stimme hören. Nun, dennoch wartete ich auf irgendeine Nachricht, ob es den Kindern gefällt und es ihnen gut geht. ENDLICH, nach ein paar Tagen bekam ich eine erste SMS meiner Tochter: „Mami, ich bin verliebt in einen Jungen und bin mit ihm zusammen. Ich liebe dich!“ UFF! Hallo, das Mädchen ist erst 9 und so weit weg von Mama! Was, wenn der Junge nach 2 Tagen Schluss macht und sie total enttäuscht und traurig ist? Wird jemand zum Trösten da sein und die richtigen Worte finden?
Zum Bergfest nach einer Woche fasste ich mir ein Herz und rief meine Tochter von mir aus einfach mal an. Mir sprang fast das Herz aus dem Körper als ich ihre süße, aufgeregte Stimme hörte! Sie war überglücklich, im Hintergrund gibbelten andere Mädchen, alles hörte sich nach viel Spaß an! Na, Gott sei Dank! Meine Tochter überschlug sich mit Erzählungen, wie toll alles ist und gab mir meinen Sohn ans Telefon. Auch er klang sehr nach Abenteuer und Kinderglück! Wie schön – jetzt konnte auch ich endlich entspannen!

Wieder zu Hause angekommen – wir hatten unseren Urlaub so geplant, dass wir 3 Tage vor den Kindern da sein werden – fand ich einen süßen Brief meiner Tochter, den ich für immer aufbewahren werde.

Nun steht die Ankunft der Kinder kurz bevor und man merkt noch einmal mehr, dass man sie sehr vermisst hat – längst nicht alles geschafft hat, was man sich in dieser Zeit zu tun vorgenommen hatte und dass man wieder aufgeregt ist:
Werden sie die Rückreise gut überstehen und wie sehen sie aus: braun gebrannt oder sonnenverbrannt? Klebrig-schmierig, ausgepowert und müde oder annehmbar sauber und kuschelig, aber überdreht? Erzählen sie etwas oder wollen sie nur schlafen und in Ruhe gelassen werden? Habe ich den begleitenden Betreuern zu Recht meine Kinder anvertraut?

Wie es tatsächlich war, erfahrt ihr in ein paar Tagen, wenn ich es sicher weiß!

Mit der elterlichen Liebe im Herzen gebt ihr euren Kindern die Wurzeln, die sie brauchen!

Gebt euren Kindern die Flügel, etwas ohne euch zu erleben – auch wenn es euch schwerfällt. Diese Erlebnisse lassen sie wachsen und reifen, sie erlangen damit das Selbstbewusstsein, etwas selbst zu schaffen und die Gewissheit, dass ihr ihnen vertraut.


Alles Liebe, eure




Update:
Inzwischen sind die Kinder wohlbehalten, karamellgebräunt (auch NACH der Dusche!) und glücklich zurück zu Hause. Mit guter Laune erzählten sie bis tief in die Nacht ihre Erlebnisse, zeigten Fotos und schnatterten, bis ihnen irgendwann – natürlich im Elternbett – die Augen zufielen. Ein rundum schöner Urlaub für die beiden. Und was wir Eltern in der Zeit erlebt haben und wie wir die Zeit ohne Kinder empfunden haben… das lest ihr hier.


 

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1 Kommentar

  • Antwort Mamagie 2. August 2013 at 7:09

    Toll, dass du dich getraut hast und es deinen Kindern die Zeit ohne dich zugetraut hat! Ich war als Kind auch immer auf solchen Freizeiten und denke sehr gerne daran zurück.

    Liebe Grüße Karin

  • Ich freue mich über Deinen Kommentar