Ein schwerer Gang & Lebenszeit-Optimierung

15. Juni 2015
Ein schwerer Gang - Friedhof

Heute wurde ein guter Freund meiner Eltern zu Grabe getragen, den ich schon seit Kinderzeiten kannte und dessen Familie uns immer schon sehr nah war. Auch meine Großeltern waren mit seinen Eltern eng befreundet, ebenso er selbst und seine Schwester mit meinen Eltern. Die Nachricht vom nahenden Ende durch sein Krebsleiden hat mich die letzten Wochen viel beschäftigt. Dabei habe ich ihn sicher seit 2 Jahren nicht mehr gesehen. Doch hat er mein Leben irgendwie begleitet. Eine Begegnung mit meiner eigenen Kindheit kommt ins Rollen:

Ich sitze in der ziemlich überfüllten Kirche, mein Rücken schmerzt heute mehr denn sonst. Die Trauerrede des Pastors höre ich kaum noch – ich werde von meinen eigenen Erinnerungen getragen. Ein Rückblick auf viele Begegnungen mit ihm huschen über meinen inneren Bildschirm. Ein markantes, offenes Lachen hatte er, einen speziellen Humor, der in seiner ganzen Familie verbreitet ist und war. Sein herzliches Gelächter war so ansteckend, dass wir als im Garten tollende Kinder schnell angelaufen kamen, um zu hören, was denn gerade so Lustiges erzählt wurde. Natürlich waren die witzigsten Anekdoten nicht für Kinderohren bestimmt – was wir heutzutage, wo wir nun selbst Eltern sind, nachvollziehen können. 

Ein schwerer Gang - Friedhof

Foto: Pixabay

Er hatte ein erfülltes, aktives und zufriedenes Leben, viele Freunde und ein insgesamt großes Umfeld, das ihn mochte. Sehr viele Menschen drängen sich um die Kirche und den Friedhof herum. „Wie werde wohl ich mal verabschiedet?“, geht es mir durch den Kopf.

Auch ein ganz natürlicher Gedanke, wenn Freunde der Eltern sterben ist, dass auch unsere Eltern nun in einem Alter sind, in dem uns mit ihnen möglicherweise nicht mehr allzu viel Zeit bleibt. Sicher gibt es auch Menschen, die weit über 80 Jahre alt werden – doch bis dahin sind es bei meinen Eltern gerade mal 15 Jahre. Wie schnell diese Zeit vorüber streicht, erkennen wir an unseren eigenen Kindern. Mein Sohn ist 14 Jahre alt – und es kommt mir immer noch so vor, als sei er doch „gestern erst“ eingeschult worden. Ob wir selbst oder unsere Eltern die 80 Jahre Lebenszeit erreichen, ist ebenso fraglich. 

Gedanken über die eigene Lebenszeit-Optimierung kommen mir unweigerlich in den Sinn:

  • Was ist wirklich wichtig und wie wollen wir die nächsten Jahre verbringen?
    Weniger Streit, mehr Harmonie und den anderen sein lassen, wie er ist. Sich versöhnen und sich weniger über Eigenarten anderer Menschen aufregen. Jeder ist, wie er ist – wenn ein Mensch nicht in unser Leben passt, müssen wir ihm aus dem Weg gehen und uns Menschen zuwenden, die wir wirklich mögen.
  • Verschwenden wir möglicherweise zu viel Zeit und Kraft mit unnützen Tätigkeiten?
    Ich möchte weniger ziellos im Internet surfen, mich dort weniger mit Menschen „unterhalten“, die ich gar nicht real kenne und mehr ins wahre Leben eintauchen. Wir sollten unser Umfeld genießen, möglicherweise erweitern und mehr gemeinsam unternehmen.
  • Wie viel tun wir für unsere Gesundheit und was genau tut uns gut?
    Wir sollten weniger Zeit vor dem PC verbringen und weniger scheinbar tröstende viel zu süße und fette Lebensmittel, dafür lieber mehr Gemüse und Obst essen. Das hält uns fit und wach fürs Leben! Wir sollten uns mehr bewegen und das möglichst an der frischen Luft. Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist! Lasst uns die eigene Seele streicheln und das Leben genießen!
  • Könnten wir uns mehr für andere Menschen einsetzen, denen es schlechter geht als uns?
    Das können wir ganz bestimmt und tun es manchmal aus reiner Bequemlichkeit nicht. Den Spruch „Alles hat seine Zeit“, kann ich nachvollziehen – doch vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, um gewisse Projekte mitzutragen oder sogar anzuschieben. Der Verstorbene hat Hilfsprojekte zum Aufbau in Eritrea eingerichtet, was ich sehr bewundere und gern zum Vorbild nehmen möchte.
  • Erziehen wir unsere Kinder nach eigener Bequemlichkeit oder nach den Werten, die wirklich wichtig sind im Leben?
    In der gestrigen Ausgabe der Welt am Sonntag war ein interessanter Artikel über die Schulkultur in unserem Land zu lesen. Eine Lehrerin sprach davon, dass immer weniger Schüler heutzutage etwas mit ihren Eltern erleben. Viele Kinder und Jugendliche hängen vor elektronischen Geräten ab und bekommen von der echten Welt da draußen kaum noch etwas mit. Waldspaziergänge, Wanderungen oder Sightseeing sind „unbequem“ und aus der Mode gekommen – man kann ja alles auch im Internet oder Fernsehen anschauen. Dass dieser Weg falsch ist, wissen wir alle. Doch tun wir genug dafür, dass wir ein Familienleben in echter Gemeinschaft erleben? Wir sollten den Kindern besser zuhören und mehr Zeit (quality time) mit ihnen verbringen!
  • Wie sehr und auf welche Weise beschäftige ich mich mit Gott?
    Unsere Familie glaubt an Gott und unsere Kinder besuchen sogar eine christliche Schule. Doch leben wir diesen Glauben nicht so sehr aus wie andere Familien dort. Wir fühlen uns wohl in deren Gemeinschaft, gehen aber selten zur Gemeinde. Können und wollen wir vielleicht mehr tun? Auch diese Gedanken beschäftigen mich, wenn ich dort in der Kirchenbank sitze und die Lieder mitsinge.

Zusammenfassend gefragt: Fühle ich mich rundum zufrieden mit mir und meinem Leben und was kann ich besser machen? Wo ist meine Nutzung der Lebenszeit optimierbar?

Wenn ich mal an der Himmelspforte stehe, möchte ich sagen können, dass ich mein Bestes gegeben habe – für mich und meine Lieben. All das schwingt in Gedanken mit, wenn ich einen lange gekannten Menschen auf seinem letzten Weg begleite. So wird im Laufe der Predigt die Stimme des Pastors für mich wieder etwas lauter und bewusster, ich tauche aus den eigenen Gedanken auf und lausche den wundervollen Worten, was das Leben von Thomas erfüllt und was ihn ausgemacht hat. 

Geht es euch bei solchen Ereignissen auch so und geht ihr dann tatsächlich eure Lebenszeit-Optimierung an – oder habt ihr eure Gedanken dazu bereits am nächsten Tag verscheucht?

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p style=“text-align: justify;“>Ich wünsche mir, dass euch diese Zeilen bedeuten, das Leben bewusster zu gestalten. Nicht zu jammern, sondern aufzustehen und euch zu bewegen. Hin zur Lebenszeit-Optimierung!

#liebedeinleben

Alles Liebe, eure

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4 Kommentare

  • Antwort Anette 1. Juli 2015 at 17:50

    Liebe Stephie,
    deine Gedankengänge verstehe ich gut und habe sie selbst so ähnlich schon gedacht.
    Die vergangenen 15 Jahre haben mich dem Leben gegenüber um einiges demütiger werden lassen. Und all die Menschen, sei es meine Schwester, meine Eltern, Freunde, von denen ich Abschied nehmen musste, leben ein gutes Stück in meinen Gedanken und meinem Leben weiter.
    Sie sind die guten Geister, die mir zur Seite stehn. Ich weiß, das klingt etwas sehr esoterisch, dabei sind es eher die Dinge, die ich von ihnen gelernt habe, die ich mit ihnen erlebt habe, die mir Kraft geben, weiter zu machen.
    Es ist ihr Erbe, das ich mitunter mit mir trage. So sehe ich das.
    Es gibt so viele Menschen, die uns prägen und gedanklich bei uns bleiben. Das kann einen sehr versöhnlich machen.
    An den eigenen Tod und wie ein Abschied von mir aussehen mag, denke ich nicht gerne, hat aber auch damit zu tun, dass ich auch schon um mein eigenes Leben bangen musste. Das hat mich dem Leben noch mehr zugewandt, noch achtsamer und dankbarer gemacht, hat mich aber auch konsequenter und mutiger gemacht, fühle mich mir selbst mehr verpflichtet, seh vieles nicht mehr so eng, denn, es gibt meist noch Schlimmeres und sollte ich doch mal wieder sehr verzweifelt mit den Tränen kämpfen, hör ich immer die Stimme meines verstorbenen Vaters: „Ach , Mädchen, reg dich doch nicht so auf, denk an dich!“
    Liebe Stephie, ich finde es schön, deine Gedanken zu lesen und eigentlich immer gedanklich zu nicken, weil es so ist, wie du sagst.
    Wie schreibt Anne?: „Carpe vitam!“
    Anette

    • Antwort Stephie 2. Juli 2015 at 9:22

      Liebe Anette,
      vielen Dank dafür, dass Du uns teilhaben lässt an dem schicksalhaften Leid, das Dir widerfahren ist. Es tut mir sehr leid, dass Du schon so viele nahestehende Menschen hast gehen lassen müssen. Auch wir sind morgen wieder bei einem Begräbnis, das mich sehr beschäftigt. Ein Mensch, der so alt ist wie ich und den ich schon meinen Leben lang kenne, hat diese Erde verlassen. Eine Freundin ist schwer krank. Man wird immer nachdenklicher und dankbarer für das eigene Leben, das man hat. Was beschäftigen wir uns oft mit Nebensächlichkeiten? TANZEN sollten wir das LEBEN!
      In diesem Sinne, Stephie

  • Antwort Anne 15. Juni 2015 at 23:25

    Mir ging es ähnlich die letzten Tage.
    Hatte von seiner Krankheit gar nichts mitbekommen und war deshalb sehr geschockt.
    Es kann von heute auf morgen alles vorbei sein. Schöne Zeilen von dir! Carpe vitam!

  • Antwort Svenja 15. Juni 2015 at 18:41

    Liebe Stephie, das kann ich gut verstehen, dass Dich dieser Tag sehr nachdenklich gemacht hat. Sicher tust Du schon viel von dem, was Dir gerade so weit weg vorkommt. Einfach weil Dich dieses heftige Ereignis auch nochmal ein Stück kritischer das eigene Leben betrachten lässt. Was ich schön finde ist, dass der Tod eures Freundes dazu beiträgt, dass Du reflektierst und vielleicht nochmal an der einen oder anderen Stelle Deinen Kurs korrigierst. Das gefällt ihm sicher, Deinem herzhaft lachenden Freund da oben. Ich drück Dich. Svenja

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