Schulwechsel – wie entscheiden wir richtig?

5. Dezember 2013

Auch in der Vorweihnachtszeit gibt es schließlich noch andere Themen als Basteln, Kochen und Geschenkekauf. Der alltägliche „Wahnsinn“ schwingt ja immer mit. So derzeit bei uns erneut die Frage:

Welche ist die richtige Schule für unser Kind?

Vor 3 Jahren standen wir schon einmal vor dieser Wahl, als nämlich unser Sohn in die 5. Klasse kam. Was haben wir uns viele Gedanken gemacht, alles abgewägt, viele Schulen angeschaut und immer wieder neu überlegt.

Vermeintlich leicht ist es mit den Kindern, die vom Grundschullehrer eine klare Empfehlung bekommen. Bei uns war gar nichts leicht: Unser Sohn hatte mit einem Notendurchschnitt von 1,8 im Zeugnis der Klasse 4 nur eine „eingeschränkte Gymnasialempfehlung“, wie es in Nordrhein-Westfalen heißt. Ja, was soll man als Eltern denn damit anfangen? „Natürlich ist er ein wirklich guter Schüler – aber er kann nicht mit Druck umgehen. Ihm tut eine kleine Schule besser, in der es ruhiger zugeht“, so erklärte der Lehrer.

Na prima. Sowohl mein Mann als auch ich sind so erzogen, dass die Schulwahl des Gymnasiums die einzig Richtige ist. Damals war das so: die Kinder von Akademikern haben zum Gymnasium zu gehen, egal um welchen Preis. Basta! Die Kinder wurden natürlich auch gar nicht erst gefragt – es gab keine Alternative.

 

Schulwechsel systematisch angehen – emotional und rational

Die Frage, die wir uns heute als Eltern stellen müssen ist: Möchten wir das auch so für unsere Kinder? Es schwingt die natürliche Angst der Eltern mit, dass man den Kindern für alle Zeit die Zukunft verbaut – mit einer vermeintlich schlechten oder gar falschen Entscheidung.

„Wenn mein Kind jetzt nicht zum Gymnasium geht, wird es nicht studieren können und heutzutage braucht doch jeder Abitur, sonst kann er nichts werden“, so die oft gehörte Meinung.

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich monatelang um diese Entscheidung herum sehr zerrissen war zwischen dem, was (so gelernt) sein sollte und dem, was man fühlt. Mein Mann hat dazu nur gesagt, dass er jede Entscheidung mitträgt. Wunderbar – also war ich damit ziemlich allein. Wen fragen? Die Meinung des Lehrers kannte ich nun, die Entscheidungen der anderen Eltern in der gleichen Situation halfen wenig. Denn es ging ja um MEIN Kind. Und jedes Kind ist anders!

Heutzutage sind die Kinder in allem kompetenter als wir damals in dem Alter, sie bekommen alles mit, was in ihrem Umfeld passiert, sind viel interessierter und dürfen auch mitreden. Ihr solltet euch bei der Schulwahl einige Fragen beantworten, um die richtige Entscheidung treffen zu können:

Entscheidungshilfen zum Schulwechsel

  • Was für ein Lerntyp ist mein Kind: kann es sich alles gut auch allein erarbeiten oder ist es eher immer auf Hilfe angewiesen?
  • Wie schätzt der Klassenlehrer der 4. Klasse mein Kind ein und was kann er uns mit auf den Weg geben, um eine gute Wahl zu treffen?
  • Wie ist das Lernklima an der Schule? Wie fühlt es sich an, wenn man in der Pausenhalle oder auf dem Schulhof steht?
  • Was möchte mein Kind und warum hat sich diese bestimmte Schule ausgesucht? – Hier gilt es herauszufinden, ob das Kind nur deshalb genau dorthin möchte, weil der beste Freund dort hingehen wird. Das darf nämlich nicht hauptausschlaggebend sein.
  • Wie fühlt sich die Umgebung der Schule an – wie gehen Lehrer und Schüler miteinander um? Auch das kann man auf dem Schulhof beobachten.
  • Wie ist die Erreichbarkeit der Schule? Wählt man eine Schule in der übernächsten Stadt, geht nicht nur viel Zeit für den Schulweg drauf, sondern auch Verabredungen werden komplizierter. (Natürlich gibt es auch Gegenden, in denen man keine andere Wahl hat)

Unsere Kinder gehen von Anfang an zu einer christlichen Privatschule – dieser auch eine weiterführende Gesamtschule angeschlossen ist, die aber kein Abitur anbietet. Es ist eine kleine, zweizügige Schule in der Nähe, die besonderen Schwerpunkt auch auf eine gute Werteerziehung legt. Das Miteinander und die gegenseitige Achtung sowie Hilfsbereitschaft werden groß geschrieben. Menschlichkeit steht höher als stures Auswendiglernen, dennoch ist der Anspruch des Lernpensums sehr hoch.

Der Mensch wird hier noch ganzheitlich gesehen, nicht nur seine Leistung.

Die Schüler der 10. Klasse schneiden in den Abschlusstests (Vergleichsarbeiten) durchweg mit am Besten ab und haben nur selten Schwierigkeiten, beim erneuten Schulwechsel zum Ablegen des Abiturs mitzuhalten. Darüber haben wir uns im Vorfeld ausreichend informiert. 

Man sollte die Tage der offenen Tür der Schulen nutzen, um sich zu informieren und die Lernumgebung zu spüren. Wir leben in einer Gegend, in der 5 Gymnasien, 3 Gesamtschulen und eine Realschule in guter Erreichbarkeit liegen. Das macht die Wahl nicht leichter. Wir haben uns gemeinsam mit unserem Sohn (und jetzt mit unserer Tochter) mehrere infrage kommende Schulen angeschaut. Als sehr krass empfanden wir ein 7-zügiges Gymnasium, das selbst mit mühevoll geschmücktem Foyer einfach nur kalt wirkte. Mein Sohn presste sich an die Eingangstür und fragte: „Mama, MUSS ich hier hin?“ – NEIN! Da muss er nicht hin! Die nächste Schule war auch quirlig, wir kannten viele Eltern und Kinder, dennoch fühlte es sich nicht „echt“ an. Schwierig zu beschreiben, aber wir alle empfanden es gleich, dass das nicht die richtige Umgebung für unser Kind ist – wenn man doch eine solch schöne Alternative hat.

So fiel also unsere Entscheidung völlig unkonventionell gegen das Gymnasium und für die der Privatschule angegliederte Gesamtschule.

Das Wort Gesamtschule ließ mich bis zu unserer Entscheidung die Haare zu Berge stehen – und nun sitzen wir mittendrin.

Auch unsere Tochter möchte NUR DORT hin und nirgendwo anders – unabhängig von ihrer besten Freundin, die nämlich zum Gymnasium gehen wird. Unsere Tochter sagt, sie fühle sich dort wie „zu Hause“. Wie schön ist das denn bitte? Hättet ihr das über eure damalige Schule sagen können? ICH NICHT!! Ich habe mich durchs Gymnasium gequält und das wollte ich für meine Kinder nicht.

 

Starker Leistungsdruck am Gymnasium

Und inzwischen ist der Leistungsdruck an den Gymnasien dank G 8 noch gestiegen. Die Kinder haben kaum mehr Zeit für andere Dinge als für die Schule. Ein damaliger Klassenkamerad meines Sohnes, der genauso wie er ein richtig guter Schüler in der Grundschule war, geht zum Gymnasium. Der Unterschied der beiden Jungen (der vorher kaum spürbar war und die jeden Tag zusammen im Garten gespielt haben) ist immens: Der andere Junge kann vor 17 Uhr auf keinen Fall nach draußen. Entweder, er ist noch gar nicht aus der Schule zurück oder er muss so viele Hausaufgaben machen und lernen, dass er an den meisten Tagen der Woche überhaupt nicht mehr zum Spielen kommt. Das tut mir sehr leid. Er zahlt einen sehr hohen Preis – nämlich den seiner Kindheit!

Darf im Alter von 11 Jahren schon die Kindheit vorbei sein? Ich bin so dankbar, dass mein Sohn die Schule gewählt hat, die ihm gut tut und wir auf ihn gehört haben (wenn ich mich hier auch wiederhole). Er geht so gern zur Schule, ist einer der besten Schüler der Klasse und ist am frühen Nachmittag mit allem fertig. Dennoch kann und weiß er viel, wirkt nicht unwissender als die Freunde, die zum Gymnasium gehen. Die Lehrer lernten ihn von Anfang an als engagierten, selbstbewussten Schüler kennen, der sich wohlfühlt, gemocht wird und immer vorne mit dabei ist.
Ich bin sicher, er hätte das Gymnasium leistungsmäßig auch geschafft, aber ist denn „schaffen“ der richtige Anspruch an unser Kind? Möchten wir nicht viel lieber, dass unser Kind glücklich und zufrieden mit sich selbst ist?

Welche Schulform für euer Kind die Richtige ist, habt ihr vielleicht schon im Gefühl – aber entscheidet nicht der Konventionen wegen (wie ich es beinahe getan hätte), sondern nur des Kindes wegen.

Was mir auch gut geholfen hat, mich gegen ein Gymnasium zu entscheiden, ist der schon vielfach zitierte Brief eines Vaters an seine Tochter (Fünftklässlerin an einem Gymnasium), den ihr hier bei „Die Zeit online“ nachlesen könnt.

Andere Schüler und Eltern fragen, welche Erfahrungen sie mit der ausgewählten Schule haben

Natürlich darf man die Schulen nicht vorverurteilen – um einige rankt sich ein guter oder schlechter Ruf – ob der dann stimmt, ist auch fraglich. Am besten erkundigt man sich direkt bei Eltern und Schülern der Schule, wie sie das empfinden. Das bringt euch in der Entscheidung weiter als das allgemeine Gerede abzuwägen. 

Insgesamt möchte ich anmerken, dass das meine Sicht auf die Dinge ist und sich speziell auf meine Kinder bezieht. Sicher gibt es Kinder, die ideal auf dem Gymnasium aufgehoben sind, denen das hohe Leistungs- und Arbeitspensum sowie der Druck nichts ausmacht – andere wiederum fühlen sich auf der Waldorfschule wohl (was für uns überhaupt keine Option war) oder der Realschule. Es gilt für die Eltern „nur“, herauszufinden, welche Schule am besten zu ihrem Kind passt. Es hilft nicht, eine höhere Schulform zu wählen als empfohlen wurde, nur weil man denkt, das Kind habe sonst keine Zukunft.

Man sollte lieber das Kind unterstützen, dass es gern lernt – in einer angenehmen Umgebung, in der es sich wohlfühlt – anstatt dass es krank wird, weil es ständig überfordert ist.

Ich bin ganz ehrlich: gäbe es diese wunderbare, kleine Privatschule nicht, dann würde ich meine Kinder mit diesem Notendurchschnitt auch zum Gymnasium schicken!

Was kommt nun für unsere Kinder nach der 10. Klasse, da ja kein Abitur angeboten wird? Das haben wir uns natürlich auch gefragt: Wie stehen die weiteren Chancen und wie geht die Ausbildung weiter?
Beide Kinder möchten dann zum naheliegenden Gymnasium wechseln und dort ihr Abitur ablegen – so sagen sie heute. Im Alter von 15 – 16 Jahren kann man dem Druck des Gymnasiums sicher besser standhalten als mit 11 Jahren. Ob das nun die wirklich richtige Entscheidung war, werden wir erst wissen, wenn sie Erwachsen sind und im Berufsleben stehen. Das Gefühl ist aber goldrichtig, das spüren die Kinder und sie sind glücklich damit.

Ich bin froh darum, meinen Kindern mehr Eigenverantwortung übertragen zu können und eben auch an solchen Entscheidungen teilhaben zu lassen, sie ihre Talente suchen und ausprobieren und sie diese ausleben zu lassen.

Die Wahl der weiterführenden Schule ist nicht immer final und die einzig wegweisende – auch über Umwege kommt man zum Ziel! 

Manchmal verschieben sich die Ziele ja auch – vielleicht möchten unsere Kinder gar nicht studieren, wenn es soweit ist, sondern einen ganz anderen Beruf ergreifen… Wir vertrauen darauf, dass unsere Kinder ihren Weg machen.

Ich wünsche allen ein gutes Bauchgefühl, die sich gerade (wie wir) damit befassen und hoffe, dass mein Post dazu beiträgt, dass dem einen oder anderen diese Entscheidung leichter fällt.

Alles Liebe, eure

Unterschrift Stephie

 

 
 

 

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3 Kommentare

  • Antwort sanni 14. Februar 2014 at 21:10

    Wir haben zum glück noch 1 Jahr Zeit aber bei uns gibt es nur noch G8 -keine Gesamtschule kein G9 mehr. Ich hoffe, nächstes Jahr weiß ich mehr. Momentan lehne ich das G8 strikt ab. Aber wer weiß was kommt.
    Ich finde den Druck mit dem G8 auf sehr heftig, wobei es auf das Kind drauf ankommt. Ich befasse mich nächstes Jahr ausführlich damit
    danke aber für den Bericht

  • Antwort Nina von Butterzart 5. Dezember 2013 at 18:18

    Ich muss immer an den Direktor des Gymnasiums denken, was bei uns für meinen Sohn auch zur Auswahl stand: sie entscheiden jetzt eine Schulform- keinen Abschluss. Ich habe mit einem Kind 1x G8 fast hinter mir und auch noch 2x die Frage nach der „richtigen“ Schulform vor mir haben. Heute denke ich, ich schlage drei Kreuze wenn meine Kinder 1. einen Schulabschluss haben (und da sage ich bewusst nicht mehr das Abitur) und 2. alle eine Ausbildung/Studium absolviert und zu Ende gebracht haben, einen Job haben und von ihrem eigenen Geld glücklich leben können. Alles was da noch dazu kommt sehe ich mittlerweile als Luxus.
    Mein Leben ist entspannter geworden und wenn ich an meine Töchter denke, ertappe ich mich dabei mir zu wünschen, sie mögen einen Realschulabschluss machen und dann ohne vorher Stress und großen Frust erlebt zu haben, auf ein Oberstufen-Gymnasium wechseln…
    Wir werden sehen- erstmal steht mir noch 2x Grundschule ins Haus.

    Dein Artikel ist ehrlich und wahr!

    Nina

  • Antwort gretel 5. Dezember 2013 at 9:38

    Dieser Beitrag gefällt mir gut, so offen und von allen Seiten betrachtet.
    Ja, es ist eine schwere Entscheidung. Manchmal muss man später auch noch einmal korrigieren, das ist auch nicht so schön, wenn die Kinder erneut die Schule wechseln müssen.
    Unser Großer wurschtelt sich auf dem Gymnasium so durch. Die ersten 3 Jahre waren manchmal hart, mittlerweile geht es entspannter. Wir sind allerdings auch bei Noten jenseits der 1 und 2 zufrieden. Er fühlt sich da wohl. Bei der Kleinen steht die Entscheidung noch an und ich bin da absolut deiner Meinung. Lg

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