Wie denken Demenzkranke? Einfache Experten-Tipps: Demente verstehen

18. September 2017
Demenzkranke verstehen. Wie denken Demenzkranke?

Kürzlich durfte ich einem ergreifenden Vortrag lauschen über Demenzkranke und den richtigen Umgang mit ihnen. Denn nur, wenn wir Demenzkranke verstehen, können wir sie dort abholen, wo sie gerade stehen. Das macht es uns leichter, diese Krankheit zu begreifen, auch ohne medizinische Hintergründe. Schließlich macht es enorm traurig, wenn uns der liebe Angehörige plötzlich nicht mehr erkennt oder sogar Angst vor uns hat. Ohne dieses Hintergrundwissen, in das ich nun einen kleinen Einblick haben durfte, verhalten wir uns impulsiv zunächst oft nicht richtig dem Dementen gegenüber. Das frustriert beide Seiten – und genau deshalb möchte ich darüber schreiben. 

Demenzkranke verstehen. Wie denken Demenzkranke? Schubladendenken

 

Demenz Anzeichen von normalem Altern unterscheiden 
„Schubladendenken“

Zunächst erklärte uns die Referentin Ute Schmikowski* den Unterschied von normalem Altern und den Anzeichen einer Demenz. Wir alle vergessen mal den Namen eines Bekannten, den wir selten sehen oder wir verlegen einen Schlüssel. Bei normalem Altern können wir dem Gesuchten auf die Spur kommen, indem wir im Gehirn gewisse Wege abgehen. Plötzlich fällt es uns wieder ein, wie der Name war oder wo wir den Schlüssel zuletzt gebraucht haben. Demenzkranke finden möglicherweise auch den Schlüssel wieder, allerdings an völlig unüblichen Orten wie dem Kühlschrank. Merkhilfen sind uns nützlich, den Dementen allerdings zunehmend nicht mehr. Sie können nicht im Hirn kramen, so wie wir.

Sehr anschaulich zeigten zwei Bilder das System der Hirntätigkeit bei Gesunden und Demenzkranken: Auf dem Bild des „normal“ arbeitenden Gehirns sahen wir mehrere offene Schubladen, in denen ganz unten die ältesten Erinnerungen verwahrt werden und ganz oben die neusten Erlebnisse und Erkenntnisse. Alles wird fein säuberlich auf die Schubladen verteilt, es steht uns quasi alles offen. Beim Demenzkranken sind leider die oberen Schubladen schon geschlossen und es schließen sich immer mehr, bis schließlich irgendwann nur noch die Schublade für die Ereignisse der Kindheit und Jugendzeit zur Verfügung steht.

Wir alle kennen es, dass ältere Menschen gerne über die Vergangenheit erzählen. Diese ist ihnen vertrauter – schließlich begleitet sie diese schon so viele Jahre und sie erinnern sich immer wieder daran zurück. Es ist sehr hilfreich, wenn Angehörige viel über die Vergangenheit der an Demenz Erkrankten wissen. Denn damit können sie sich mit ihren Angehörigen an die Stelle begeben, wo sich diese gerade befinden. Das macht die Angehörigen zufriedener und die Demenzkranken glücklich.

 

Zurück in die Vergangenheit – Demenzkranke verstehen

Jede Art der Demenz verläuft in verschiedenen Schritten und jedes Stadium ist anders. „Wer bemerkt eigentlich die Demenzerkrankung zuerst?„, fragte uns Ute Schmikoswki und lieferte auch gleich die Antwort dazu: „Der Erkrankte selbst!“ Und er versucht, es so lange wie möglich zu vertuschen. Erste Anzeichen wie das Vergessen kompletter Ereignisse und Gegebenheiten überdecken sie, indem Demenzerkrankte ihrem Gegenüber einfach dem zustimmen, was gesagt wird. „Weißt du noch, als wir letzte Woche mit den Kindern im Zoo waren und Eis gegessen haben?“ – „Aber natürlich. Ja!“. Damit stellt uns der Demente zufrieden und er selbst wird nicht weiter belastet. Doch er selbst weiß, dass er sich überhaupt nicht erinnert. Das frustriert und stimmt traurig.

Schreitet die Erkrankung weiter fort, fällt es auch den Nahestehenden auf, dass etwas nicht stimmt. Beispielsweise die wiederholte Nachfrage nach dem Wochentag lässt uns ungeduldig werden. Wir heben unsere Stimme an und sagen mit Nachdruck, dass wir das doch schon mehrfach wiederholt haben. Wir meinen es nicht böse, doch reagieren genervt – der Demente fühlt sich unverstanden und alle sind unglücklich. Wissen wir aber, dass der Demenzkranke die richtige Schublade einfach gerade nicht öffnen kann, üben wir uns in Geduld und wiederholen gern auch zum x-ten Mal, welcher Wochentag denn heute ist.

Manchmal passiert es, dass Demente plötzlich beginnen zu weinen. Aus unserer Sicht völlig grundlos. Wissen wir aber, dass dieser Mensch im Krieg gedient hat und somit schreckliche Dinge erlebt hat, macht es uns das einfacher, nach dem Grund der Tränen zu forschen. Wir sollten uns auf seine Ebene begeben und liebevoll trösten. Ablenkung durch eine einfache Tätigkeit oder das Summen eines bekannten Liedes aus der Kindheit sind hilfreich. Dazu müssen wir aber wissen, was der Demente in seiner Kindheit und Jugendzeit erlebt hat.

 

Demenzkranke verstehen. Wie denken Demenzkranke?

 

Plakative Beispiele für richtigen Umgang mit Demenzkranken

Demenzkranke wandern immer weiter zurück in die Vergangenheit. Obwohl sie möglicherweise schon um die 80 Jahre alt sind, befinden sie sich beispielsweise gerade im Stadium eines wesentlich jüngeren Alters. Sie wissen nicht, dass sie schon über 80 Jahre alt sind und befinden sich beispielsweise in dem Jahr, als sie noch 30 waren. Vieles gab es in dieser Zeit eben noch nicht! Die Tochter kommt heute mit ihrem Baby zu Besuch bei der dementen über 80-jährigen Mutter. Die Mutter erkennt ihre Tochter nicht, nimmt aber gern das Baby auf den Arm und spricht es mit dem Namen der Tochter an.

Woher kommt das?

Als die an Demenz erkrankte Frau 30 Jahre alt war, hatte sie gerade erst ihre Tochter geboren. Das heißt soviel, als dass sie in diesem Alter ihre Tochter nur als Baby kennt und nicht als erwachsene Frau. Folglich vermutet sie, dass ihr Enkel die geliebte Tochter ist. 

Befindet sich die Demenzkranke im Stadium einer Achtzehnjährigen, so erkennt sie ganz bestimmt nicht ihr eigenes Spiegelbild, denn dort sieht sie sich selbst schließlich als alte Frau. Außerdem war sie zu dem Zeitpunkt noch nicht verheiratet, fragt sich also, wer der „fremde Mann“ (ihr Ehemann) in ihrer Wohnung ist. Spätestens, wenn dieses Stadium erreicht ist, sollten sich Angehörige dringend professionelle Hilfe holen. 

In allen Fällen geht es dem Demenzkranken besser, wenn wir „das Spiel“ mitspielen und auf ihn eingehen. Liebevoll und ruhig antworten, den verwirrten Menschen niemals hart anfassen oder umarmen. Lieber legen wir beruhigend eine Hand leicht auf die Schulter, so dass sich der Demente nicht „eingesperrt“ fühlt. Wichtig ist es – wie bei Kindern – dass wir uns auf Augenhöhe begeben. Wir sprechen besser nicht von oben herab, sondern lieber aus einer niedrigeren oder gleich hohen Position und lächeln dabei. So strahlen wir Freundlichkeit aus und das macht doch jeden Menschen sanfter!

 

Einfache Experten-Tipps zum Umgang mit Demenzkranken

⇒ Es gibt auch stärkere Formen der Demenz, wie die Lewy Body Demenz. Hierbei sehen die Demenzkranken Tiere oder Dinge, die eigentlich nicht da sind. Widersprechen wir nun den Dementen, die Angst vor dem eingebildeten Tier haben, dann werden diese aggressiv und noch ängstlicher. Viele beginnen dann zu schreien und um sich zu schlagen. Besänftigen können wir sie, indem wir auch hier wieder darauf eingehen und sie Glauben machen, dass auch wir die Tiere sehen und diese einfach vertreiben. Somit beruhigt sich der Demente recht schnell und steigert sich nicht weiter in diese Situation hinein. Unablässig dessen, dass sich der Demenzkranke derweil beruhigt hat, sollten wir uns dennoch dringend um Hilfe bemühen.

⇒ Beginnt der demente Angehörige, im Tippelschritt den Flur auf und ab zu schlurfen, sollten wir alle Teppichläufer entfernen. So vermeiden wir die Gefahr der Verletzung. An der Demenzerkrankung an sich stirbt der Mensch nicht, wohl aber an den Folgen wie Unfällen, klärte uns Ute Schmikowski auf. Also sollten wir den Haushalt möglichst barrierefrei gestalten. Auch häufig gebrauchte Gegenstände sollten wir in Reichweite stellen. Häufig geht mit der Demenzerkrankung auch eine zunehmend körperliche Einschränkung einher und die oberen Schrankfächer sind nicht mehr erreichbar.

⇒ Die gewohnte Umgebung zu bewahren, hilft den Dementen, sich zurecht zu finden und sich zu Hause zu fühlen. Hängt im neuen Schlafzimmer das bekannte Bild  an der Stelle auf, wo es auch im alten Schlafzimmer hing… Ihr wisst, was ich meine.

⇒ Bei Wortfindungsstörungen oder unzufriedener Stimmung können wir Demenzkranke schnell beruhigen oder gar erheitern, indem wir altbekannte Lieder anstimmen. Oft singen selbst arg verwirrte Menschen diese Lieder auswendig zu Ende oder vervollständigen ein bekanntes Gedicht. Männern gefällt es häufig, gemeinsam knifflige Matheaufgaben zu lösen. 

 

Daher ist ein sehr wichtiger Punkt bei beginnender Demenz – oder besser noch vorher:

Lasst euch so viel wie möglich aus der Vergangenheit erzählen, damit ihr später auf dieses Wissen zurückgreifen könnt!

Indem ihr wisst, welche Lieder Mutter, Vater oder Tante damals gern gesungen hat, habt ihr für spätere Zeiten eine gute Grundlage, um ihnen zu helfen. Die Erinnerungen gehen durch den Verlust der „oberen frischen Schubladen“ immer weiter in die Vergangenheit. Die Gegenwart und gemeinsam erlebte Ereignisse aus der nahen Vergangenheit geraten immer mehr in Vergessenheit. Wir wissen, dass dies keine Absicht ist und dass sich die Dementen selbst dabei mehr als unwohl fühlen. Also gehen wir sanft auf sie ein und geben ihnen, was sie jetzt gerade brauchen:

Lächelnde, freundliche Gesichter, die sie begleiten in dieser schweren Zeit und viel Geduld mit ihnen haben!

Alles Liebe, eureUnterschrift Stephie

 

 

Was ist Demenz eigentlich und ist Demenz das Gleiche wie Alzheimer?

Dieser Frage bin ich hier schon einmal auf den Grund gegangen. Abkürzend ist zu sagen, dass es etwa vierzig verschiedene Arten der Demenz gibt und Alzheimer ist eine davon. Am häufigsten bekannt sind die Alzheimer Erkrankung und die vaskuläre Demenz. Bei der Alzheimer Krankheit steht die Vergesslichkeit im Vordergrund, bei der vaskulären Demenz sprechen wir vom geistigen Abbau des Gehirns infolge von Durchblutungsstörungen. Diese beiden Krankheitsbilder sind schwierig voneinander zu unterscheiden. Dies sollte ein Neurologe diagnostizieren. Dabei wendet ihr euch am besten an den medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK).

 

*Ute Schmikoswski leitet mit ihrem Mann Horst eine Alzheimer-Demenz-Selbsthilfegruppe in Hagen, Westfalen. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstordens für zahlreiche Verdienste. Beide betreiben gemeinsam mit über 30 weiteren Ehrenamtlichen seit über 24 Jahren diese Gruppe, sind äußerst engagiert und kompetente Ratgeber. Den Kontakt und weitere Informationen findet ihr hier.

Der Vortrag fand im Seniorenzentrum „Am Theater“ in Hagen statt. Vielen Dank für diese kurzweilige und äußerst informative Veranstaltung!

 

Dieser Beitrag ist lediglich eine Zusammenfassung eines gehörten Vortrages, er bietet keine medizinische Grundlage und ist kein Sponsoring. Mir war es nur wichtig, die gewonnen Erkenntnisse zum Thema Demenz weiterzugeben an meine interessierte Leserschaft.

 

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2 Kommentare

  • Antwort Julia 18. September 2017 at 19:43

    Ein ganz toller Artikel! Mein Opa ist an Demenz erkrankt und es ist manchmal nicht einfach zuzusehen, wie es bergab geht. Aber gleichzeitig sind da auch viele schöne Momente, wenn man einfach zusammen lachen kann, wenn vielleicht auch der Opa gar nicht genau weiß worüber, aber man durch einfache Verhaltensweisen trotzdem eine wertschätzende Haltung einnimmt und auf keinen Fall “von oben herab“ auftritt. Dann lieber zum 5. Mal sich vorstellen und den Wochentag erklären :)

    • Antwort Stephie 23. September 2017 at 20:50

      Liebe Julia,
      es ist eine unsagbare schwere Zeit, die Veränderung des geliebten Opas zu erleben. Schön zu lesen, dass ihr gemeinsam lachen könnt und euch wohltuende Momente schafft! Ich wünsche euch noch viele wundervolle Erlebnisse miteinander und Dir viel Geduld und Kraft für eure Begegnungen. Alles Liebe, Stephie

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