Wie stärke ich mein Kind bei schlechten Noten?

14. Juli 2015
Schule. Wie stärke ich mein Kind bei schlechten Noten

Kürzlich erhielt ich einen Brief einer Leserin, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Sie schrieb über ihren Sohn, der das Klassenziel in diesem Jahr leider nicht erreichen wird. Sie schimpfte sehr auf „das faule Stück“ und bat mich um Rat, wie sie den Faulenzer zum Lernen bringe. Lange habe ich nachgedacht, was ich antworten kann, denn mir gefiel ihr Ton ganz und gar nicht. Ich hatte Mitleid mit dem Sohn anstatt mit der Mutter! Wir alle möchten unsere Kinder zu Menschen erziehen, die im Leben gut zurecht kommen und die möglichst erfolgreich auf allen Ebenen sind. Doch wieso ich denke, dass wir unsere Kinder nicht nur auf Leistung trimmen sollten, lest ihr hier:

Wie stärke ich mein Kind bei schlechten Noten
Foto: Pixabay

Kinder bringen nun mal mehr oder weniger gute Zeugnisse mit nach Hause. Ich kann mich glücklich schätzen, dass hier bisher nur gute Zeugnisse ins Haus flatterten. Was aber, wenn das mal nicht mehr so ist und wie können wir unsere Kinder unterstützen, damit sie gut durch die Schule kommen?

Nicht jedes Kind braucht ein Spitzen-Abitur

Wir Eltern sorgen uns bei schlechten Noten und vor allem bei nicht erwartungsgemäßen Zeugnissen. „Das Kind muss doch zum Gymnasium und Abitur machen, sonst kann er / sie ja nichts werden!“, klingt noch aus unserer (Groß-)Elterngeneration in den Ohren. Doch ich bin der Meinung, dass wir unseren Kindern diese Panikmache so nicht weiter vermitteln sollten.

Aus Angst hat noch niemand gescheit gelernt und vor allem: Nicht nur diejenigen mit Bestnoten sind im Berufsleben erfolgreich. 

Ein schlechtes Zeugnis ist nicht immer richtungsweisend. Ein starker Charakter findet anderweitig seinen Weg. Beispiele dazu findet wohl jeder in seinem Bekanntenkreis. Es bedarf Hilfe und Aufbauarbeit, statt Vorwürfe und Schelte. Was wir unter allen Umständen jetzt vermeiden sollten, ist, das Kind noch mehr zu frustrieren, zu verunsichern und in Panik zu versetzen.

Denn lasst Euch von einer Sitzenbleiberin sagen:
Was daraus folgt ist ein Minderwertigkeitskomplex, der dem Kind immer wieder im Weg stehen wird. Es dauert viele Jahre, bis dieser abgelegt wird. Bei manchen passiert das nie. Druck erzeugt Gegendruck und Frust! Die Unbefangenheit ist passé und die Unsicherheit hemmt das Lernen: „Ich mache ja doch wieder alles falsch!“, denken diese Kinder oft. Seid also sensibel und poltert nicht direkt los, wenn das Zeugnis nicht die erwünschten Ergebnisse liefert!

Wie kann ich mein Kind fürs Leben stärken?

Der Artikel „Kuscheln für die Karriere“ von Tina Kaiser und Inga Michler im Wirtschaftsteil der Welt am Sonntag vom 05.07.2015 findet klare Worte. Eine kurze Zusammenfassung:

Empathie ist wichtiger für die Karriere als Intelligenz! Erfolgreicher sind also Studien zufolge die Menschen, die in der Keimzelle der Empathie – nämlich in der Familie – einen starken emotionalen Rückhalt verspüren. Die Kompetenz, die eigenen Gefühle und die Emotionen anderer Menschen zu erkennen, entscheidet oft über Erfolg und Misserfolg – nicht nur im Berufsleben. Emotional starke Menschen sind stressresistenter und können komplexere Sachverhalte lösen. Ohne emotionale Kompetenz drohen später Burnout und Depressionen. „Eltern, kuschelt mehr mit euren Kindern!“, lautet der Aufruf, denn auch die körperliche Nähe innerhalb der Familie ist entscheidend.

Von Geburt an das Urvertrauen zu schaffen und viel Geborgenheit zu geben seien die Pfeiler eines glücklichen Lebens. Dazu gibt es Modelle, die in Schulen und Kindergärten eingesetzt werden, um emotionale Intelligenz zu fördern – vor allem da, wo es von Elternseite aus nicht erbracht werden kann oder leider nicht ausreichend praktiziert wird.

Nehmt eure Kinder bei schlechten Noten in den Arm, statt sie abzuweisen

Ich habe den Ruf, eher streng mit meinen Kindern zu sein, weniger die typische Helikopter-Mama. Kinder brauchen Grenzen, um sich zu orientieren. Inzwischen sind sie schon Teenager und wollen gern mal mit dem Kopf durch die Wand gehen. Schule steht bei ihnen nicht an erster Stelle und chillen ist das liebste Hobby, dennoch schreiben sie zum Glück gute Zensuren. Auch deshalb, weil sie sich selbst viel zutrauen – sie haben keine Angst-Barriere. 

Inzwischen kommen sie in das Alter, in dem sie selbst herausfinden, was ihnen gut tut. Mit Verboten kommen wir Eltern nicht weit, aber mit vernünftig aufgezeigten Grenzen, die sie (wenn auch ungern) nachvollziehen können. Schlechte Noten sind Strafe genug, genauso wie das Nachsitzen bei nicht gemachten Hausaufgaben. 

Elternliebe darf nicht abhängig sein von guten Zensuren

Ich verlange von meinen Kindern, dass sie sich in der Schule Mühe geben. Doch heißt das nicht, dass ich sie dränge, ständig über den Büchern zu hocken, um Höchstleistungen zu erlangen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder den Eindruck haben, unsere Elternliebe ist abhängig von ihrer erbrachten Leistung. Wurde eine schlechte Arbeit zurück gegeben, fühlt sich das Kind schlecht und muss fest in den Arm genommen werden.

Meine Devise: „Habt ihr für eine Arbeit gelernt und konntet es trotzdem nicht besser, dann tröste ich euch. Habt ihr aber aus purer Faulheit eine schlechte Note geschrieben, ärgere ich mich und sage euch das auch genau so! Geknuddelt werdet ihr trotzdem, denn ihr seid auch traurig über den Misserfolg!“

Ursachenforschung der schlechten Noten

Bringt ein Kind ein Zeugnis mit, das weit unter seinen Möglichkeiten liegt, dann sind wir enttäuscht und fragen nach dem Warum. Wir müssen fragen, denn vielleicht steckt nicht unbedingt Faulheit dahinter. Hat das Kind selbst keine Antwort, kann sicher der Klassenlehrer helfen.

Leidet mein Kind unter zu viel Druck? Mangelt es an Auffassungsgabe oder ist das Lerntempo ungünstig? Langweilt es sich möglicherweise und lässt sich deshalb gehen? 

Schulfrust ist schrecklich!
Unterstützt eure Kinder bei schlechten Noten, anstatt zu schimpfen

Lösungsansätze zur Unterstützung bei schlechten Noten

Wir trösten das Kind und bieten Lösungen an: Die Hausaufgaben werden eine Weile in unserer Nähe erledigt und wir schauen darüber. So wissen wir, was in der Schule durchgenommen wird und wie das Kind das Thema verstanden hat. So können wir sofort helfen, falls Fragen offen sind und das Kind erlebt Geborgenheit. Es werden Vokabel-Abfrage-Tage eingeführt, da Regelmäßigkeit hier das Zauberwort ist. Mein Mann macht das gern so, dass es den Kindern sogar Spaß macht: Ein witziger Verriss einer Vokabel lockert auf und lässt dieses Wort nie wieder vergessen. Garantiert!

Ja, das ist anstrengend für uns Eltern, gibt aber den Kindern Sicherheit. Es zeigt ihnen, dass wir mitfühlen und sie nicht fallen lassen. Wir lehnen uns nicht zurück und sagen: „Was Du Dir eingebrockt hast, löffelst Du auch aus!“ Wir bieten konkrete Hilfe an und verkaufen ihnen das als gemeinsames Projekt. Begeistert werden sie zunächst nicht sein, aber wenn wir das mit Konsequenz und viel Liebe durchziehen, dann werden unsere Kinder die Früchte bald tragen – da bin ich ganz sicher.

Macht ein gemeinsames Projekt daraus

Anschließend locken wir mit Aktionen, die mit Schule rein gar nichts zu tun haben und ihnen Spaß machen: „Nach der Vokabel-Abfrage dürfen deine Freunde kommen und ich backe für euch Muffins.“ Durch die Zuneigung und Nähe, die wir ihnen bei der Unterstützung in der Schule geben, entwickeln sie Mut, Größe, Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz. Freizeit muss sein nach Erledigung der Pflicht – in dieser Zeit darf das Wort Schule nicht mehr erwähnt werden.

Liebe Eltern, gebt doch euren Kindern bitte bei schlechten Noten statt „Du bist zu nichts nutze“ lieber ein „wir schaffen das gemeinsam“ mit auf den Weg! Stärkt sie, anstatt eure Enttäuschung in den Vordergrund zu stellen.

Sicher ist uns gar nicht klar, wie wir unsere Kinder in die spätere Burnout-Falle schicken, wenn wir ihnen ständig mangelnde Leistungsfähigkeit vorwerfen. Sie sind doch selbst unzufrieden mit ihrem Zeugnis oder der schlechten Note – ist das nicht Strafe genug? Wir also reichen unsere helfende Hand und geben ihnen das Gefühl, dass sie alles schaffen können. Sicher dürfen wir sagen: „Das kannst du besser.“ Aber wir dürfen durchaus auch einfach mal zufrieden sein mit einem mittelmäßigen Zeugnis und sollten unser Kind nicht nur auf Leistung reduzieren. Da ist doch wohl noch sehr viel mehr, was in unseren Kindern steckt.

Unsere Kinder dürfen schulisch & beruflich den Weg einschlagen, der ihnen gut tut und der zu ihnen passt

Wer emotional stark ist, der schafft auch eine Karriere ohne Abitur und macht seinen Weg – soweit meine Meinung. Es werden so viele Berufe angeboten, die auch ohne Abitur machbar sind. Nicht jedes Kind ist dafür geschaffen, Abitur zu machen. Legen wir doch bitte nicht unsere eigenen Ziele in die Zukunftswünsche unseres Kindes. Vielleicht ist unser Kind ja der geborene Handwerker und fühlt sich im Anzug gar nicht wohl…

Abitur ist für eine akademische Ausbildung gedacht. Aber es ist nicht jedermanns Traum, Akademiker zu werden. Auch die vielen anderen Berufe werden gebraucht. Jemand, der seinen Job gerne tut, der ist auch gut darin! Egal, wie sein Titel lautet! Auch ohne Abitur kann man sein eigener Chef werden, sich weiterbilden und vor allem ein glücklicher Mensch werden. Karriere ist auch mit Umwegen möglich. Gönnen wir es unseren Kindern, ihren eigenen Weg zu gehen und unterstützen wir sie darin! Möglicherweise ist ein Schulwechsel sinnvoll. Es ist kein scheitern, sondern nur ein anderer Weg.

Es ist schwierig, sich aus der eigenen Erziehung zu lösen, in der vielleicht immer die Bestleistung im Vordergrund stand. Aber wir sollten unseren Kindern lieber zeigen, was wir an ihnen lieben anstatt in sie hineinzupressen, wie wir uns ihre Zukunft vorstellen! 

Alles Liebe, eure Stephie

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4 Kommentare

  • Antwort Elischeba 10. April 2019 at 22:23

    Da hätte ich aber auch mehr Mitleid mit dem Kind als mit der Mutter ….

  • Antwort Mareike 27. November 2018 at 1:58

    Ich finde, dass man positiv auf so etwas reagieren muss. Wenn man negativ darauf reagiert, dann macht das Kind zu und es verändert sich gar nichts. Man sollte, je nach Alter, vielleicht auch spielerisch an die ganze Sache herangehen. Hier gibt es unterschiedliche Art und Weisen, wie man das Thema behandeln sollte.

  • Antwort Sophia Großmann 14. Juli 2015 at 16:34

    Hallo Stephie,

    ich finde deinen Post toll! Genau so möchte ich meine Kinder auch mal erziehen.
    Ich weiß wie es ist wenn die Mutter über jede 4 in Mathe verzweifelt und ich kann mich heute noch erinnern, dass meine Mitschülerin mir die Uhr vorlesen musste und meine Mutter meinte „die kann das schon“! Dieses Gefühl einen Fehler zu machen, sobald man eine große Aufgabe nur anpackt kenne ich auch zur genüge.
    Wenn man heute weiß was man kann und wo man hin will, ist das doch viel mehr Wert als immer den Weg geradeaus zu gehen, weil man „etwas werden muss“. Es gibt so viele Möglichkeiten „erfolgreich“ zu werden, aber Angst und Druck sind schlechte Lehrer.

    Ich hoffe die Mutter nimmt sich deine Antwort zu Herzen.

  • Antwort Simone 14. Juli 2015 at 9:09

    Liebe Stephie,
    Es klingt so abgedroschen… Ein Minus an Kuscheln – Depression und Burnout. Aber bei mir ist es genauso. Positives Feddback fmgab es für Leistung. Nicht extrem, deswegen habe ich es es erst NACH der Depression kapiert. Bis kurz vorm Abi hab ich revolutioniert. Faul hoch zehn. Irgendwann, vor allen in der Ausbildung und Beruf , merkte ich wie „geil“ Anerkennung ist und wurde zum Überflieger. Immer höher schneller Weise… Bis der Sturz kam…

    Es war schrecklich, aber ich lerne auch viel für meine Kinder! Kuscheln, liebhaben, reden….

    Das was in meiner Kindheit fehlte, wie auch Grenzen.

    Danke für Deine Worte!!!

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