Gelassener durch die Pubertät – Teenager begleiten

17. März 2018
Pubertät. Teenager kapselt sich ab. Musik hören beruhigt

Wir Eltern fühlen uns oft überfordert, wenn die einst so lieben Kinderlein plötzlich mit dem Kopf durch die Wand wollen. Doch nicht alles ist nur schlimm an der Pubertät! Es gibt einen Weg zu mehr Gelassenheit. Wir sollten uns öfter mal an die eigene Pubertät zurück erinnern: Was wollten wir, wie waren wir und was und wer tat uns gut? Das große Zauberwort anstelle von Erziehung heißt hier die „Teenager begleiten“. Wir sind auch nicht als Erwachsene zur Welt gekommen. Unsere Tochter ist gerade 14 Jahre alt geworden und da werde ich als Mama ziemlich sentimental. Ich möchte hier aufzeigen, dass sich doch so einiges wiederfindet von dem, was wir damals erlebt haben. Es ist eben nur etwas anders…

Teenager in der Pubertät. Geschwisterliebe oder Rivalität

Ich schaue mir alte Fotos an und mir kommen fast die Tränen beim Gedanken daran, wie niedlich die lieben Kleinen doch mal waren. Sie waren so eng miteinander, unsere Kinder, die im Abstand von drei Jahren geboren wurden. Der große Bruder beschützte seine Schwester und auch sie war kaum zu übertreffen an Freundlichkeit und Zuneigung für ihn.



Alles wurde miteinander geteilt, ja auch das Bett in der Nacht. „Mama und Papa schlafen in einem Bett, warum sollen wir dann nachts alleine sein?“, so ihr Motto. Wir sahen das gern und kaufen beiden Kindern größere Betten, damit sie mal in seinem und mal in ihrem Zimmer schlafen konnten ohne zusammengepfercht zu liegen. 

Harmonie im Kinderzimmer vs. Kriegsführung im Teenie-Revier

Jeden, der mir prophezeihte, dass diese Harmonie im Kinderzimmer bald ein Ende haben würde, lachte ich aus. Eher noch hatte ich die Befürchtung, die beiden würden so lange aneinander kleben, dass andere Freunde keine Chance hätten. Doch ich täuschte mich. Mit der Zeit grenzten sich die zwei immer weiter voneinander ab. Wer den Anfang machte, weiß ich nicht mehr. Es passierte schleichend.

Der gemeinsame Freundeskreis teilte sich fortan in Mädchen und Jungs, jedes Kind ging eigenen Hobbies nach. Die Interessen klafften plötzlich immer weiter auseinander. Und dann kam der Zeitpunkt, zu dem das Geschwisterchen „nur noch blöd“ war. Wo früher Kinderlachen zu hören war, knallten nun die Türen und lautes Geschrei ertönte. Das ähnelt(e) kaum noch einer gepflegten Streitkultur, sondern eher einer Kriegsführung im Teenie-Revier.

Abgrenzung von Geschwistern und Eltern 

Doch je mehr ich über die Wende des Zusammenhalts der Kinder nachdachte, desto mehr Verständnis bekam ich für die Normalität des Geschwisterkampfes. Ich selbst bin schließlich mit drei Geschwistern aufgewachsen und weiß, was Krieg unter Geschwistern bedeutet. Man fühlt sich plötzlich von ihnen und den Eltern ständig hintergangen, übergangen und zurückgesetzt. 

Fehlverhalten wird selten auf sich selbst bezogen, sondern immer sind die anderen Schuld am Streit. Ist ja auch einfacher… Das kenne ich zur Genüge, kann aber trotzdem meinen eigenen Kindern dabei nicht helfen. Diese rebellische Phase in der Pubertät ist schließlich auch wichtig zur Abgrenzung von Eltern und Geschwistern. Da müssen sie durch und wir Eltern auch! Der Ruf nach Freiheit und Selbständigkeit ist unermesslich. Die Pubertierenden wollen ihre eigenen Wege gehen, sich abnabeln.

Um das bis zum Erwachsensein zu schaffen, müssen sie sich zunächst von uns lösen – auch vom geliebten Geschwister. Sie schubsen uns also weg, obwohl sie uns brauchen. Wir möchten weiterhin teilhaben an ihrem Leben und sie möchten sich nur noch zurückziehen. Ihr erkennt die Problematik: Unsere Enttäuschung und der Wunsch, die Teenager weiter an uns zu binden, kann Missverständnisse hervorrufen. Es wird laut, unfair und verletzend – meist von beiden Seiten. Wer kann jetzt das kreischende Pubertier in den Arm nehmen und dessen harten Worte einfach verzeihen? Ganz ehrlich: Mir gelingt das äußerst selten, weil ich als Mama dann auch sauer bin.

Alles „normal“ aufgrund der Umbaumaßnahmen 

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass sich der eigene Körper so stark verändert. Das kennen wir doch alle selbst noch: Plötzlich wurde das Umziehen vor anderen Menschen unangenehm. Das Bad wurde abgeschlossen und die Geschwister standen schimpfend und mit den Fäusten vor die Tür hämmernd davor. Wir Mädchen lernten, in der Sammelumkleide den BH durch den Ärmel auszuziehen, um das Bikini-Oberteil dann auf umgekehrtem Wege anzuziehen. Eine akrobatische Meisterleistung, über die wir heute lachen.

Doch die Scham ist nicht der einzige Grund, weshalb das Bad für uns Eltern geschlossen bleibt: Die Kids brauchen ihren Raum und die Zeit, um sich selbst schön zu finden, wie sie (jetzt neuerdings) sind. Manches wird mit Schminke übertüncht, so dass wir den Eindruck gewinnen könnten, sie wollen sich hinter einer Maskierung verstecken. 

Hirnwindungen werden während der Pubertät neu sortiert

Doch auch das Gehirn macht in der Pubertät einiges mit: Das Gehirn gleicht einer Großbaustelle, da Milliarden Nervenzellen neu verbunden werden. Wenn wir also das Gefühl haben, unsere Pubertierenden „ticken“ nicht ganz richtig, kann das tatsächlich zutreffen. Als Kind sind die Gehirne darauf programmiert, ständig neue Reize und Eindrücke zu verarbeiten. In der Pubertät erneuern sich die Hirnwindungen. Altes wird „abgestöpselt“ und Neues verknüpft. 

Die pubertäre Planlosigkeit hat also eine wissenschaftlich bewiesene Ursache. Das zu wissen, hilft uns Eltern doch schon weiter. Es lässt uns möglicherweise auch in Bezug auf die Unordnung im Jugendzimmer gelassener werden. Auch das Durcheinander im Zimmer hat mit dem Chaos im Hirn zu tun!

Genau diese Neuverknüpfung im Gehirn ist auch dafür verantwortlich, dass die Teenager risikofreudiger werden. Sie probieren aus, wie weit sie an die Grenzen gehen können – an ihre eigenen und an die des Umfeldes. All das muss so erschöpfend sein, dass sie mehr Schlaf benötigen als sonst. Aber haben wir nicht auch nur zu gerne am Wochenende bis mittags geschlafen? Mich regt das ehrlich gesagt überhaupt nicht auf – ich lasse sie schlafen und sie lassen mich schlafen… 

Vertrauen anstatt misstrauen – auch in der Pubertät

Manchmal fällt es schwer, darauf zu vertrauen, dass schon alles gut gehen wird. Doch das Misstrauen – oder ungute Gefühl – in unsere Jugendlichen bringt sie erst recht auf die Palme. Sie fordern ein, dass wir ihnen vertrauen und das zu Recht. Wir möchten doch auch, dass unsere Kinder selbstsicher durchs Leben gehen. Dann müssen wir ihnen auch einen großen Vertrauensvorschuss schenken. Verspielen sie diesen, wird es allerdings schwierig. Diese Balance zu schaffen ist unfassbar schwierig, finde ich.

Pubertät ist ein laufender Prozess, für die Eltern genauso wie für die Teenager.

Klare Regeln helfen nicht nur kleinen Kindern, sondern auch den Teenagern zur Orientierung. Das Ausfechten und manchmal wohl auch die Auslegung ist allerdings unterschiedlich. So kämpft unsere Tochter jedes Wochenende aufs Neue dafür, länger draußen bleiben zu dürfen. Doch wir winken dann mit dem Jugendschutzgesetz, das klare Regeln dazu aufstellt, wie lange Kinder ohne Erwachsene auf der Straße sein dürfen. Gut für uns Eltern, einen „Schuldigen“ gefunden zu haben, der diese Regeln für alle Gleichaltrigen gleichermaßen aufstellt.

Natürlich gibt es dennoch Diskussionen, die uns Eltern herausfordern und die Kinder mit dem Kopf quasi durch die Wand laufen lassen. Aber all das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Wichtig ist, dass die Eltern dabei Schulter an Schulter miteinander arbeiten, egal ob sie zusammen oder getrennt leben. Für die Jugendlichen ist der rote Faden wichtig, an dem sie sich orientieren können. Wir machen auch Ausnahmen, weichen Regeln mal auf und sind dann „obercoole“ Eltern. Manchmal aber müssen wir die Zügel anziehen. Puh, wenn man immer wüsste, was gerade richtig ist. Da entscheidet oft das Bauchgefühl!

Sehnsucht nach Anerkennung 

In der Pubertät sind unsere Kinder quasi süchtig nach Anerkennung. Die möchten gemocht werden, akzeptiert und ernst genommen. Dazu entwickelt sich ihr ganz eigener Kleidungsstil, Musikgeschmack, Hobbys und die Gesamtwirkung nach außen. Auch wenn es so aussieht, als trügen alle Kids in dem Alter dieselbe Mode, stimmt das nicht ganz.

Es bilden sich Cliquen, Interessengemeinschaften und enge Freundschaften mit ähnlichem Stil und diese suchen sich die Jugendlichen gezielt so aus. Tun wir das nicht genauso? Gehen wir auf die Frau mit den selbstgehäkelten Ketten zu, dann tragen wir selbst vermutlich auch welche. Selten mischen sich die Typen – oder eben erst dann, wenn sie sich besser kennen und einander schätzen gelernt haben. Ob wir den Kleidungsstil der Kinder toll finden, ist im Prinzip unwichtig.

Entweder gewöhnt man sich daran oder wartet einfach ab, bis es vorbei ist.

Auch das kann sich nämlich schnell ändern! Es ist nicht gerade einfach, diese machmal schnell wechselnden Stilrichtungen mit anzusehen. Wenn wir Eltern dagegen angehen, fühlen sich die Pubertierenden unverstanden und missachtet. Bei uns ist es glücklicherweise so, dass jeder seinen Stil gefunden hat, der kompatibel zu unserem ist. Die Teenies des Hauses können wir also problemlos überall mit hinnehmen…

Pubertät ist nicht immer lustig. Dennoch sollten wir gelassen bleiben

Muss ein Teenager ständig erreichbar sein?

Meinen Mann besorgt oft diese permanente Erreichbarkeit unserer Kinder für ihre Community. Doch dazu meine ich, dass wir die permanente Verbindung zu Freunden damals ähnlich intensiv hatten: In dem Alter hing auch ich stundenlang am Telefon (mit extra langer Schnur), um mit der Freundin zu quatschen, die ich gerade erst in der Schule gesehen hatte und auch am Nachmittag wieder traf. Nichts anderes tun die Teenies heutzutage per WhatsApp, Snapchat & co.  

Mit Verständnis kommen wir immer weiter, als mit starren Vorstellungen von dem, was wir wollen.

Auch die Urlaubsplanung sollte so ausgerichtet sein, dass mindestens zweimal am Tag ein nutzbares Wlan-Netz zur Verfügung steht. Ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht, wie ich es damals ausgehalten habe, in den Sommerferien wochenlang nicht mit meinen Freunden gesprochen zu haben. Irgendwie freue ich mich für meine Kinder, dass sie heute auch auf langen Urlaubreisen Kontakt zu ihren Freunden halten können. Auch neu gewonnene Freunde aus dem Urlaub sind nicht gleich vergessen, denn man bleibt per Messenger-Dienst miteinander verbunden. Ist doch schön!

Dennoch sind gewisse Zeiten für uns „handyfrei“. Das gilt beispielsweise beim Essen und bei gemeinsamen Unternehmungen. Regeln muss es also weiterhin geben und genauso Konsequenzen, wenn diese nicht eingehalten werden.

Immer schön locker bleiben

Doch sollten wir locker bleiben, so lange alles einigermaßen gut läuft. Wir haben das Glück, dass bisher in der Schule alles gut funktioniert und unsere Kinder wirklich nette Freunde haben. Da müssen wir manchmal einfach darüber hinweg sehen, dass die Pubertiere mal bockig sind. Unverschämt sein dürfen sie nicht, denn darüber ärgere ich mich. Sie sollten – genauso wie wir – ihre Erziehung nicht vergessen.

Also, bleiben wir gelassener und vertrauen unseren Kindern. Wir haben einen Grundstein mit unserer Erziehung gelegt – und der kommt auch immer wieder zum Vorschein. Wir waren auch nicht immer einfach in der Pubertät, gestehen wir das also auch unseren Kindern zu.

In diesem Sinne: immer schön gelassen bleiben! (Bitte erinnere mich jemand an diese Worte, wenn ich mich das nächste Mal ärgere…).

Alles Liebe, eure 

 

 

 

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2 Kommentare

  • Antwort Tanja von NordlichtMom 17. März 2018 at 22:36

    Liebe Stephie,

    ich glaube, du du hast jeder Mutter eines Teenagers Mut gemacht und von der Seele gesprochen! Ich denke auch, dass Erziehung in der Pubertät nichts mehr bringt, sondern eher die Beziehung zum Kind. Mein Sohn und ich sind nur 16 Jahre auseinander und für mich ist es wirklich einfach, ihn in manchen Dingen zu verstehen und zu wissen wie es ihm geht… Für manche Dinge, die er sagt oder macht kann er einfach nichts… und wie du schon so schön geschrieben hast: Manchmal reicht es einfach, daran zu denken, wie wir damals waren und uns gefühlt haben! Du hast es echt toll geschrieben! Danke für diese Bereicherung! Liebe Grüße aus dem Norden!

    • Antwort Stephie 18. März 2018 at 19:40

      Liebe Tanja,
      herzlichen Dank für das schöne Feedback. Ja, es war ein Herzenspost, der mir aus der Feder floss. Immer nur zu jammern, wie schlimm das alles mit den Pubertieren ist, bringt letztlich nichts. Wir waren oft nicht viel besser und erinnern uns vielleicht zu selten an unsere damaligen Gefühle. Mit 16 Jahren Mama zu werden ist aber auch nicht einfach. Wie toll, dass du es so gut gemeistert hast und ihr eine schöne Beziehung zueinander habt. Alles Liebe, Stephie

    Ich freue mich über Deinen Kommentar